Das „postfaktische“ in Prophylaxe und Kausaltherapie

Die Oxford Dictionaries erklärten den Ausdruck „post-truth“ nun zum Wort des Jahres.

„Doch was meint „postfaktisch“ eigentlich? Einfach formuliert geht es hier um ein Denken und Handeln, bei dem Fakten, und somit die Wahrheit, nicht mehr entscheidend sind. Es ist der Gegensatz zu den Prinzipien der Aufklärung. Statt aus Fakten Schlussfolgerungen zu ziehen, wird gelogen, betrogen und manipuliert. Dabei geht es mehr um Befindlichkeiten statt um den Intellekt.“ (Vorsicht – das postfaktische Zeitalter ist da!; deutsch.rt.com)

Es kann also nicht schlecht sein, wenn wir etwas genauer an die Fakten rücken und kritische Schlüsse ziehen:

Die durchschnittliche Einzelpraxis in Berlin versorgt etwa 1.300 Patienten.

In Ballungsgebieten kann dieser Wert auf bis zu etwa 700 Patienten absinken.

90 Prozent aller Patienten, die sich in regelmäßiger zahnärztlicher Vorsorge befinden, bekommen irgendwann ein parodontales Problem. (~1000 in der Prophylaxe zu versorgende Patienten)

50 Prozent lassen sich durch Prophylaxemaßnahmen behandeln. (~500 in der Prophylaxe zu versorgende Patienten)

40 Prozent kann durch eine Parodontaltherapie geholfen werden.(~450 in der Prophylaxe zu versorgende Patienten)

10 Prozent haben eine aggressive und rezidivierende Parodontitis. (110 in der Prophylaxe zu versorgende Patienten)

(Quelle: DGP 2007)

So weit so gut; aber, wenn eine Praxis nun seit 30 Jahren besteht und die meisten Patienten immer in der Prophylaxe bleiben, so entsteht ein exponentielles Wachstum der Prophylaxeabteilung.

Für 1000 Patienten in einem regelmäßigen Recall benötigt man mindestens zwei bis drei Mitarbeiterinnen – volltags:

500 Sitzungen zwei mal im Jahr eine Stunde ~ 1000 Stunden
450 Sitzungen drei mal im Jahr eine Stunde ~ 1400 Stunden
117 Sitzungen vier mal im Jahr 90 Minuten ~ 720 Stunden

 3120 Stunden ~ 2 ZMP

Wenn diese Mitarbeiterin nur, ohne Unterbrechung, diese Arbeit durchführen muss, dann brauchen Sie trotzdem eine weitere Mitarbeiterin für den Fall des Ausfalls.

Hinzu kommen die Patienten ohne Parodontitis, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – zusätzlich ~ 300 Patienten. Es werden nochmal gut 1,5 Mitarbeiterinnen benötigt.

Eine Praxis mit einem Behandler müsste also 3 – 4 Volltagsmitarbeiterinnen in der Prophylaxe einsetzen.

Haben zwei Behandler 2 Prophylaxehelferinnen, ergibt sich ein rechnerisches Problem.

Von 1995 bis 2011 sind die Fallzahlen der PAR Behandlungen bei Kassenpatienten von 670 000 um 300 000 auf 970 000 gestiegen. Gleichzeitig ist der Fallwert durch die Abwertung parodontologischer Leistungen im Jahr 2004 um etwa 32 Prozent auf 390 € je Fall gesunken.

In Deutschland müsste es, wenn wir die prophylaktische Betreuung ernst nehmen würden, etwa 216000 aktive Prophylaxemitarbeiterinnen geben.

Wenn jeder Zahnarzt alle 6 Monate eine 0010 bei allen Prophylaxepatienten durchführt, dann braucht er, auch wenn diese Untersuchungen nur je 10 Minuten dauern, etwa 100 Stunden (600 Patienten). Klingt machbar, allerdings fallen diese Untersuchungstermine immer genau dann an, wenn etwas anderes zu tun ist.

Rein rechnerisch ist die Forderung, jeden Patienten vor und nach der Prophylaxesitzung zu sehen und zu untersuchen, eine schlichte Illusion.

„Geschultes Selbstdenken nimmt nichts als fix und fertig hin, weder zurechtgemachte Fakten noch totgewordene Allgemeinheiten noch gar Schlagworte voll Leichengift.“ Ernst Bloch 1949

 

 


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